David McAllister: „Wir sind alle Europa“
David McAllister hofft auf mehr Akzeptanz der Bürger für Europa. Foto: Schneemann

David McAllister: „Wir sind alle Europa“

Duderstadt. Sind Frauen bessere Politiker? Wie geht es mit Großbritannien und Schottland weiter? Und was macht der ehemalige Ministerpräsident in seiner Freizeit?
Im Redaktionsgespräch hat der heutige Europaabgeordnete David McAllister diese und andere Fragen beantwortet. Die Aussage, dass Frauen Menschen besser führen können, stammt von ihm. Doch warum hatte er sich dann 2010 eigentlich als Ministerpräsident wählen lassen und 2008 den CDU-Landesvorsitz übernommen? „Ich habe es ein wenig humorvoll ausgedrückt. Aber es ist immer gut, wenn Frauen und Männer gemeinsam arbeiten“, erklärt der ehemalige Ministerpräsident zu seine Aussage, dass Frauen Menschen besser führen könnten.

Und um nicht nur Merkel als Führungspersönlichkeit hervorzuheben, nennt er als aktuelles Beispiel Theresa May, die im Vereinigten Königreich auszubaden habe, was Männer angerichtet hätten. Zwar respektiere er die knappe Mehrheit einer freien Entscheidung, halte aber das Votum, die Europäische Union (EU) zu verlassen, für einen schwerwiegenden Fehler mit unabsehbaren Konsequenzen. McAllister, der wegen seines schottischen Vaters neben der deutschen auch die britische Staatsangehörigkeit besitzt, ist der Auffassung, dass Schottland als traditionell pro-europäisches Land weiterhin einen engen Draht zur EU suchen werde: „Schottland möchte in der EU bleiben.“

Der Europolitiker glaubt, dass das Austrittsverfahren der Briten frühestens 2017 eingeleitet werden könne, wünscht sich aber, dass rechtzeitig vor der nächsten Europawahl 2019 Klarheit darüber bestehe, wie es weitergeht. Europa müsse jetzt in eine kritische Phase der Selbstreflexion eintreten. Die 27 Staats- und Regierungschefs sollten überlegen, wie Europa besser aufgestellt werden könne. Wichtig sei, sich auf konkrete Projekte zu konzentrieren. „Wir müssen Europa wettbewerbsfähiger machen“, so McAllister. Das gemeinsame europäische Parlament habe noch nicht die Akzeptanz der Bürger. Aufgabe der EU sei deshalb McAllisters Aussage zufolge, ihre Politik besser zu erklären: „Wir müssen den Menschen erklären, dass es so viele Felder gibt, in denen die EU zu einer Verbesserung der Lebensverhältnisse beiträgt.“ Dazu zählt er Dinge, die viele mittlerweile als selbstverständlich erachten und nennt den gemeinsamen Binnenmarkt und die Tatsache, überall in der EU leben, reisen und arbeiten zu können. Vielmehr sollte das „Blame Game“, wie es die Briten nennen, aufhören. Er meine damit, dass nationale Politiker die guten Dinge für sich verbuchen und bei allen schlechten auf Europa verweisen.

„Wir sind alle Europa“, sagt der Mann, der seit zwei Jahren im Europäischen Parlament mitarbeitet. Doch was unterscheidet die Arbeit auf Landesebene mit der auf europäischer? „Wir haben zum Beispiel deutlich mehr Sitzungswochen als im Bundestag“, so McAllister. Hinzu komme, dass an seiner neuen Wirkungsstätte 28 Nationen mit 24 Sprachen aufeinandertreffen. „Ich genieße diese supranationale Arbeit sehr“, erzählt er. Englisch sei dabei seine erste Sprache. „Ich habe festgestellt, welche Vorteile es mit sich bringt, Muttersprachler zu sein.“ Eine große Umstellung sei aber die Redezeitbegrenzung auf eineinhalb bis maximal zwei Minuten. „Man lernt, sich kurz zu fassen.“ Auf Begrüßungen müsse man verzichten, sonst sei die halbe Zeit verstrichen, bevor man begonnen habe. „Faszinierend sind die unterschiedlichen politischen Kulturen“, so McAllister. „Wir können viel voneinander lernen.“ Im Parlament, in dem die Sitzordnung innerhalb der Fraktionen nach Nachnamen aufgeteilt ist, sitzt er zwischen einer polnischen Abgeordneten und einer ehemaligen kroatischen Europaministerin. Innerhalb der Europäischen Volkspartei (EVP) wurde McAllister zum Serbienberichterstatter ernannt. „Das ist in Serbien eine Figur des öffentlichen Lebens“, berichtet er. „Ich bin häufiger im serbischen Fernsehen zu sehen, als im deutschen.“ Mit der Außen- und Sicherheitspolitik sowie Verfassungsfragen habe er sich bewusst Felder ausgesucht, die nichts mit der Tätigkeit des ehemaligen Ministerpräsidenten zu tun haben. „Aber trotzdem bin ich in erster Linie da, um niedersächsische Interessen zu vertreten.“

Und wie verbringt er seine Freizeit? „Wenn ich nicht politisch tätig bin, ist die Freizeit mit der Familie das Wichtigste“, so McAllister. „Ich würde gern mehr Sport treiben, aber da fehlt oft die Zeit.“ Denn wenn er nebenbei doch Zeit aufbringen kann, liest er. Und das ist dann wieder ein bisschen Arbeit. „Ich lese historische Bücher“, erzählt er. „Denn um Europa und seine Geschichte zu verstehen, muss man die Geschichte verstehen.“ Dabei erzählt er von einer beruflichen Reise nach Georgien, wo sich die Kultur über alle Epochen erhalten habe und  von Serbien und den schwierigen Verhältnissen der sechs Westbalkanstaaten untereinander. „Außerdem versuche ich nebenbei, Fremdsprachen zu erlernen“, sagt er. In diesem Sommer habe er in Frankreich sein Französisch trainiert. „Ich habe auch mal mit Niederländisch begonnen, aber da spreche ich bislang nur ein paar unbedeutende Brocken.“ Und auch im Serbischen müsse er noch viel lernen. rf

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